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Keynote

"Jenseits kruder Evidenzmessung: Evaluation als Lernmedium" by Stefan Kuhlmann, Professor ‘Foundations of Science, Technology, and Society’, Universität Twente, Niederlande

Das Konzept der ‚Wissensgesellschaft‘ bringt ein Versprechen mit sich: nicht nur sollen alle Quellen von Wissen für alle gesellschaftlichen Akteure frei zugänglich sein, auch die Produktion von Wissen steht jedem offen, sie erfolgt nicht mehr vor allem unter dem Monopol spezialisierter Eliten. Pluralistische Wissensproduktion befördert aber auch eine Vielfalt von Wertorientierungen, die in Konkurrenz oder gar im Gegensatz zueinander stehen können.  Das Gleiche lässt sich über Politik in der Wissensgesellschaft sagen: pluralistische soziale und politische Systeme experimentieren mit vielfältigen und konkurrierenden Instrumenten, unterstützt von multiplen Wissensquellen.  Eine klare Hierarchie von ‚gutem‘ und ‚schlechtem‘ Wissen, von ‚guter’ oder ‚schlechter‘ Politik gibt es nicht – wer sie errichten wollte, würde scheitern, oder er müsste der Wissensgesellschaft selbst ihre Grundlagen entziehen.

Im Zuge dieser sozialen, kulturellen und politischen Entwicklung haben professionelle Evaluationsverfahren eine zentrale Rolle bei der Analyse und der Legitimation politischer Maßnahmen übernommen. Sie sollen die Bewertung von Maßnahmen transparent und objektiv machen; vor allem sollen sie die Effizienz und Effektivität von Initiativen messen, um so – auf eine entpolitisierende Weise –  ‚gute’ und ‚schlechte‘ Politik unterscheidbar zu machen. ‚New Public Management‘ und ‚Evidence-based Policy-making‘ brauchen Evaluationsverfahren als Mittel (wenn nicht als Ritual) der Verifikation und Legitimation. In diesem Zusammenhang gelten Evaluationsmethoden besonders dann als nützlich und objektiv, wenn sie quantitative ‚Evidenz‘ zur Verfügung stellen. Die Arbeit mit Performanzindikatoren und randomisierten Versuchs-Kontrollgruppendesigns kann hier als Leitbild gelten.

Nun sind aber auch quantitative Indikatoren und Verfahren – wie alle Wissensproduktion – nicht frei von den Interessen und Wertorientierungen ihrer Erzeuger und Verbraucher. Die eine Wahrheit gibt es nicht; Akteure in Gesellschaft, Wissenschaft und Politik folgen unterschiedlichen Rationalitäten. Angesichts eher zunehmender Polyvalenz in Gesellschaft und Politik entsteht hier die Gefahr, dass evidenzbasierte Politik sich ihre eigenen Evidenzen schafft (“policy-based evidence making”, Strassheim & Kettunen 2014), und dass Evaluationsexperten, mehr oder weniger freiwillig, an der Konstruktion von verfahrenskonformen Artefakten mitwirken (Wesselink et al. 2014).
Der Versuch der Entpolitisierung umstrittener Maßnahmen durch evidenzbasierte Evaluationsdesigns führt jedoch nicht zur Beseitigung von Konflikten sondern lediglich zu deren Verlagerung in andere gesellschaftliche Räume. Eine Evaluationspraxis, die das emanzipatorische Versprechen der ‚Wissensgesellschaft‘ ernst nimmt, wird die Polyvalenz moderner Gesellschaften nicht ausblenden oder mithilfe von Evidenz-Artefakten naiv zu neutralisieren suchen, sondern sie wird die Vielfalt gesellschaftlicher Perspektiven zum Ausgangspunkt für offene, professionell unterstützte Lernprozesse nehmen: Evaluation kann als Lernmedium in heterogenen Akteursarenen wirken (Kuhlmann 2006). Dies verlangt von Evaluationsexperten einen reflektierenden, selbstkritischen und verantwortungsbewussten Umgang mit ihren Methoden sowie ihren Partnern in Gesellschaft und Politik.

Literatur:
Kuhlmann, S. (2006): Evaluation in der Forschungs- und Innovationspolitik. In: Stockmann, Reinhard (Hg.): Evaluationsforschung, Münster (Waxmann), 3. Auflage, 287-307.
Strassheim, H., Kettunen, P. (2014): When does evidence-based policy turn into policy-based evidence? Configurations, contexts and mechanisms, Evidence & Policy 10(2) 259-277, dx.doi.org/10.1332/174426514X13990433991320.
Wesselink, A., Colebatch, H., Pearce, W. (2014): Evidence and policy: discourses, meanings and practices, Policy Sciences, 47, 339–344, DOI 10.1007/s11077-014-9209-2.


For more information about Professor Stefan Kuhlmann, see his full curriculum vitae [PDF].

Zuletzt geändert: 06. Juli 2015